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Erstbefahrungen | Befahrungsberichte | Expeditionen | Unfallmeldungen

Befahrungsberichte



Foto: Klepper-Prospekt, 1950er

Traun - Koppentraun, 1932

Als mir vor 2 Jahren bei Hochwasser die Fahrt vom Grundlsee nach Aussee gelang, faßte ich schon den Plan, die nächstfolgende Strecke zu versuchen. Heuer am 10. Juli folgte endlich die Durchführung. Der Gmundner Pegelstand war +78, der Welser, der nicht sehr maßgebend ist, 362, also hatten wir gutes Mittelwasser. Beim Ausseer Bahnhof setzten wir am späten Vormittag ein. Die Strecke bis Wächterhaus 25 bei der zweiten Eisenbahnbrücke bot keine nennenswerten Schwierigkeiten. Gleich dahinter passierten wir die Reste einer alten Brücke und landeten dann vor der ersten schweren Stufe. Diese fuhren wir nahe dem rechten Ufer durch. Die Fortsetzung war wenig erfreulich. Unfahrbare Stellen wechselten mit kurzen, noch möglichen Strecken und wenn auch diese in ihrer Gesamtheit wesentlich länger waren als die unmöglichen, so war doch das Übertragen bei den weglosen Steinufern eine äußerst anstrengende und ungeheuer zeitraubende Arbeit. Ohne vorheriges Anschauen konnte nichts gefahren werden, das Wasser war recht rasch, mit Steinen und großen Blöcken nur so gespickt, doch hatte es auffallend wenig Druck. Am linken Ufer lief ca 50m oberhalb des Flußbettes die Bahntrasse, in halber Höhe waren zeitweise Reste des alten Bahndammes zu sehen. Nachdem wir 4 Stellen übertragen hatten, riß uns vor der fünften, die wohl die letzte gewesen wäre, endgültig die Geduld. Wir zogen und schleppten das Boot über die steile Lehne gerade hinauf zum Eisenbahndamm, den wir 800m vor dem Wächterhaus 27 betraten. Ganz kurz nach dem Wächterhaus führte uns ein Steiglein wieder hinunter zur Traun. Eine scharfe Felsenecke ganz am rechten Ufer galt es noch zu fahren, dann strömte das Wasser schon ruhiger in das weite Talbecken hinaus. Rechts hoch ober uns, passierten wir die Haltestelle Obertraun-Koppenbrüllerhöhle. Die ist nur 8 Bahnkilometer von Aussee entfernt und wir hatten auf und neben der Traun fast 6 1/2 Stunden gebraucht! Dies illustriert wohl deutlich die Schwierigkeiten des Übertragens. Darum ist es wohl vernünftiger, bei der ersten unfahrbaren Stelle, kurz nach der zweiten Eisenbahnbrücke auf den oberen Bahndamm hinaufzugehen und bis zu dem Steiglein nach Wächterhaus 27 zu übertragen. Streckenweise wird man den Bootswagen benützen können. Die restlichen 3 km der Strecke bis in den Hallstättersee stellen keine besonderen Anforderungen mehr. (Quelle: Klarwill, Dr.Hromatka, 1932)





Koppentraun kurz nach dem Start in Aussee



(Fotos von der Koppentraun: Ilse Entner, 2006)


Die wilde Enns, 1927

Wir fuhren gegen 11 Uhr von Groß-Reifling ab. Ich gestehe, dass ich anfangs mit einiger Beklemmung die Fahrt auf dem wildesten Wasser Österreichs antrat. Wars die durchfahrene Nacht, die schmerzhafte Sehnenscheiden- Entzündung meiner rechten Hand oder war es die nach 400 km sich schließlich einstellende Ermüdung, oder alles zusammen. Aber ich sagte mir, es muss gehen. Und es ging! Erst durch die Kripp, deren Einfahrt durch die breitseitig die Fahrbahn kreuzenden Wellen besonders schwierig ist. In der eigentlichen Schlucht, die sich domartig über uns schließt, bietet sich ein überwältigender Anblick. Die steil aus dem Wasser aufragenden Felswände erdrücken schier den Betrachter. Ja, ich halte dafür, dass der Kajakfahrer zum vollen Genuß der Fahrt, wenigstens zum ersten Male, nicht kommt, weil er die ganze Aufmerksamkeit dem Wasser zuwenden muß. Nach der Strub, in der uns hohe Spitzwellen harte Arbeit gaben, gönnten wir uns eine Mittagsrast, die gewiß allen wohlgetan hat. In langer Kette zogen wir weiter. Kleinere und größere Schnellen, darunter die bei Altenmarkt und Schönau, wechselten mit ruhiger Fahrt ab, bis wir nach Klein-Reifling in einen kräftigen Guß kamen, der fast bis Kastenreith anhielt. Dort stellten wir die Boote im 'Kasten' ein und bezogen im nahen Weyer vorzüglich Quartier. (Quelle: K.Worm, Kanu-Sport 1927)




Enns, Flößerfriedhof bei Kastenreiht


Eine Fahrt auf der Isère, 1927

Schon bei dem vorbereitenden Studium der Landkarte daheim hatt ich mein Auge immer wieder nach dem Lauf der Isère lenken müssen, weiß der Himmel warum, der Fluß hatte es mir nun einmal angetan.

Am 'Quai des Abattoirs' wird das Boot auf der Isère eingesetzt. Eine eigene Sprache redet der Fluß, dumpf tönt vom Grunde das Poltern des mitgeführten Gerölls herauf, fast einschläfernd wirkt das eintönige Schaben und Kratzen des feinen Triebsandes an der Bootshaut, ja, selbst bei jedem Paddelschlag wird es hörbar, ganz blank sind bereits die Kupferbeschläge der Paddelblätter.Die Isère führt Hochwasser.

Die Flußrichtung ist zu Anfang Nordwest, am Ostrand des Gebirgszuges Vercors, bis Veurey, hier schmiegt sich das Strombett eng an die Berge, 3,5 km unterhalb Veurey, eine scharfe Wendung, die Isère ändert ihren Lauf in Südwest. 'Bec de l'Echaillon', links, zwischen Felswand und Wasser, bleibt gerade Platz für die Straße; gleich einem 'Schnabel' stößt eine Felsgruppe in den Fluß vor, Sträucher peitschen das Wasser. Beim Anfahren sehe ich schon von weitem Wellen aufspritzen; also lieber etwas rechts halten, auf die Sandbank zu, man kann nie wissen, wie tief solch ein Stein unter der Oberfläche liegt. Nun bin ich ran. Plötzlich fängt um mich alles an sich zu drehen, mit unheimlicher Gewalt werde ich nach der Stelle gezogen, an der das Wasser aufschäumt. Sofort ist mir die Situation klar, kein Schwall ist dies da vor mir, ich sitze am Rande eines prächtigen Tellerwirbels (Durchmesser schätzungsweise 15 Meter) und bin auf dem besten Wege nach der Trichtermitte. Die Paddel biegen sich, als ich, allen Regeln zuwider, gegen die Drehströmung anfahre. Endlich rückt ein Zweig auf der Sandbank rechts näher, noch wenige Schläge, und das Boot gehorcht wieder allein mir. Ich war doch froh, als ich diese Ecke hinter mir hatte.

Gegen 2 Uhr ist St.Gervais erreicht, gleich dahinter verengt sich das Strombett beträchtlich, durch eine schmale Waldschlucht mit steilen Felsufern drängen sich die Wassermassen. Zunächst stärke ich mich in der üblichen Weise aus meinen mitgenommenen Vorräten, dann umfängt mich die Kühle und das Dunkel des Waldes. Der Fluß sieht hier ganz nach Überraschungen aus, auf Felsen im Flußbett war ich bereits in St.Gervais aufmerksam gemacht worden; bei dem hohen Wasserstande sind sie jedoch nur schwer zu erkennen. Außerdem kommt ein weiterer Übelstand hinzu, die Sonne steht direkt vor mir am Himmel und verwandelt das Wasser in eine silberhell schimmernde, brodelnde Masse; alle Niveauunterschiede sind verwischt. Die Augen muß man von Zeit zu Zeit schließen vor der Fülle des blendenden Lichts.
Es dauert nicht lange, da beginnt der Tanz. Eine scharfe Flußbiegung nach Süden, rechts hoher Fluß, links starke Stoßwirbel. Ehe ich mir ein Bild von der Lage machen kann, bin ich mitten im Schwall und habe alle Mühe, mein Boot durch die von allen Seiten unregelmäßig anstürmenden steilen Wellen zu steuern. Ein Schwall folgt jetzt dem anderen, mehr oder weniger harmlos. Der zweite wird schon besser genommen, ich setze hier mehr am Ausgangspunkt der Strömung, nahe am Ufer, an. Die Menschen an den Hängen, die mit der Heuernte beschäftigt sind, winken und rufen mir zu; wollen sie mich auf kitzlige Stellen im Strom aufmerksam machen?

An Cognin, Beauvoir geht es vorbei. Meist liegen die Orte auf der Höhe, wegen der Steilufer des Flusses, inmitten lichtgrüner Nußgärten. Stromschnellen, wie die hinter der eben unterfahrenen Brücke von La Sône, erscheinen in solchen Gewässern nicht als Schwierigkeiten, nicht einmal die Spritzdecke habe ich aufgelegt.

Doch selten ist man ungestraft leichtsinnig. Trotz der grellen Sonne sehe ich schon aus der Ferne an einem Ufervorsprung die bekannten weißen Schaumkronen. Im rechten Winkel biegt der Fluß nach rechts ab, am linken Ufer heftiger Stau. Im ersten Drittel rechts scheinen die Wellen weniger hoch zu sein. Die Entfernung wird geringer, da lösen sich aus dem Glitzern und Gleißen des Wassers vor mir die dunklen Umrisse von Felsblöcken los, sie ragen knapp aus dem Wasser hervor. Eine kurze Wendung nach links, an den Felsen bin ich zwar vorbei, sitze aber im nächsten Augenblick auf einem Wellenkamm, dann macht mein Boot eine tiefe Verbeugung, und die nächst Widerwelle stürzt in ihrer ganzen Fülle über uns beide. Das Boot gleicht einer Badewanne.

Die Sandbank am rechten Ufer kam wie gerufen. Dort landete ich triefend und schöpfte, nachdem ich das durchnäßte Gepäck ausgeladen, das Wasser aus den Kahn. Da ich am Abend unbedingt wieder in Valence sein wollte, mußte ich meine Kleider trocknen lassen. Die zur Rüste gehende Sonne tat mir noch den Gefallen. Die Fahrt mußte ich allerdings abbrechen. Ein halbstündiger Marsch brachte mich dann auf den Bahnhof von St.Nazaire, abends um 11 Uhr nahm ich in Valence den 'Schlummertrunk. (Heumann, Kanu-Sport 1927)


Faltboot-Wanderfahrt-Rekordleistung:
603 km in 46 Stunden 40 Minuten, 1927

Der in deutschen und österreichischen Paddlerkreisen allseits bekannte Münchner Paddler Peppo Säckler hat einen neuen Faltbootrekord aufgestellt. Er hat die Strecke Innsbruck-Wien (603 km) in 40 Stunden 40 Minuten durchpaddelt. Die Einzelheiten dieser Faltbootfahrt sind folgende: Start in Innsbruck am 16.Juli 1927, 4 Uhr 10 früh, durchgehende Fahrt bis Mühldorf in Bayern mit einer nur 20 Minuten dauernden Mittagsrast, wo er um 18 Uhr abends ankam. Die Strecke von 202 km wurde also in 13 Std. 30 Min. durchpaddelt. In Mühldorf nächtigte Säckler, um am nächsten Morgen um 8 Uhr 15 die Weiterfahrt anzutreten. Die Strecke Mühldorf-Passau wurde ohne Rast durchgefahren (105 km); in Passau kam Säckler um 14 Uhr 45 Min. an. Nach kurzer Rast im Wanderheim des D.K.V. setzte er die Fahrt ab Passau um 15 Uhr 30 fort und paddelte bis Wien (296 km) durch, mit einer Pause von 20 Minuten, die er für das Frühstück in Grein einschob. Säckler kam am 18. Juli 18 Uhr 30 im Klubhause des Wiener Kajak-Kub - im Kuchelauer Hafen in Wien - an.

Säckler mußte die Nacht vom 17. auf den 18. Juli durchpaddeln, ohne Unterbrechung, was um so schwieriger war, als arger Regen die Fahrt behinderte und die Finsternis am Strome jede Orientierung unmöglich machte. Die Fahrzeiten ergeben für den ersten Tag eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 15, für den zweiten Tag eine von 16 und für den letzten Tag eine solche von 11 Stundenkilometer, wobei zu bedenken ist, daß am Inn, bei Jettenbach, das Boot übertragen werden mußte und die Donau derzeit eine sehr geringe eigene Stromgeschwindigkeit aufweist. Daß Säckler auch die ganze Zeit paddeln mußte, geht aus der Tatsache hervor, daß er nur so Herr des ihn mahnenden Schlafes werden konnte und jedes Aussetzen des Paddelns sofortigen Schlaf zur Folge gehabt hätte. Die Fahrt war noch durch manche kleine Abenteuer geschmückt, deren Aufzählung hier jedoch zu weit führen würde. Erwähnt soll nur noch sein, daß Peppo seinen treuen vierbeinigen Begleiter 'Schnucki', den Münchner Paddlern durch seine Floßgassenfahrten bekannt, mit sich hatte. Die Fahrt wurde in einem Klepper-Schmalboot (4,5 m lang, 65 cm breit) durchgeführt.

Wir beglückwünschen Peppo zu seinem neuen Rekord, dessen sportliche Leistung unbestritten steht! (Pressestelle des Oe.K.V., Karl Wenger, Foto: Kanu-Sport, 1927)

Foto: Peppo und sein vierbeiniger Freund


Am 1.Mai auf dem Wasser, 1962

von einer Schneefahrt am 1. Mai 1962
auf Inn und Kössener Ache

Die Teilnehmer waren: Moni, Siglinde, Fonsi, Max, Mani und meine Wenigkeit, genannt der „dicke Otto", vom SV Gendorf. Abfahrt 5.30 Uhr, Burghausen/Oberbayern

Trotz schlechter Wettervorhersage (aber welcher Faltbootfahrer ist kein Optimist) standen wir, auf 6 Mann reduziert, mit 3 Einern und 2 Zweiern am Stadtplatz und warteten auf den Autobus. Es kam auch ein Riesenauto und wurde von uns taktisch auf „besetzt“ markiert, indem drei Mann auf die linke und drei Mann auf die rechte Seite kamen. Unsere zwei Mädchen dürfte ich ja nicht in die „Mannen" einreihen, sie benahmen sich aber später so tapfer, daß ich es trotz nicht zu übersehender Merkmale fast tun möchte. Unser Kücken, ganze 15 Jahre alt, war zu diesem Zeitpunkt noch ein lachender und noch nie in einem Boot gewesener Teenager.

Unser Ziel war Innsbruck. Der Werksbus konnte uns jedoch nur bis Jenbach/Tirol fahren, da er die 150 km-Grenze nicht überschreiten darf. Also ging's von Jenbach ab nach Innsbruck weiter mit dem Personenzug, wo wir dann um die Mittagszeit unter dem üblichen Gestöhne und Geächze die Fahrt antraten. Fonsi, der Oberoptimist, jagte Siglinde noch um eine große Tube Piz-Buin, von wegen dem Sonnenbrand, was die liebe Sonne wohl zum Anlaß nahm, für immer zu verschwinden.

Moni fuhr das erste Mal in ihrem funkelnagelneuen Einer und fühlte sich offenbar nicht ganz wohl darin, suchte Schutz bei ihrem Mani und verglich im übrigen das Boot mit einer blöden Eierschale. Es waren höchstwahrscheinlich auch die letzten Gelegenheiten, wo Bräutigam Mani noch etwas zu sagen und zu belehren hatte.

Wir fuhren bis Schwaz/Tirol und legten dort eine Pause ein, teils um Bekannte zu besuchen, teils um unter meiner Führung ins nächste Wirtshaus zu pilgern. (Wenn es sich um Essen und Trinken handelt, behaupten böse Zungen, sei ich unfehlbar.) Hier wurde dann zum ersten Mal mein Rezept „Kaffee mit Kognak“ ausprobiert und sollte uns später noch erwärmen­de Augenblicke verschaffen.

Nach dieser Pause ging es weiter und zwar bei Wasser von oben und Wasser von unten. Kurz hinter Jenbach wurde auf der linken Seite gehalten, und wir stellten unsere Zelte auf. Eines hatten wir nicht bedacht, nämlich die nahen Eisenbahnschienen und den damit verbundenen Lärm. Wir nahmen es wohl auch nicht so ernst, denn bei uns in Burghausen ist Endstation und der Verkehr ist auch danach. Nachdem ich außer vielem Hunger auch den meisten Schlaf hatte, verzog ich mich in mein Riesenzelt, von Moni schnöderweise "Hundshütte" genannt und verschlief alle donnernden Züge, die, wie die anderen berichteten, alle zehn Minuten vorbeikamen. Nur einmal wachte ich nachts auf, da ich trotz Schlafsack fröstelte und kroch daraufhin nach altbewährter Weise mit dem Kopf in meinen Schlafsack und zog das Schnürchen zu. Als ich in der Frühe als letzter aufwachte in der Meinung, es sei Mitternacht, da mein Schlafsystem kein Licht hereinließ, und mich aus dem Schlafsack herausangelte, empfing mich verzerrtes Gelächter. Mein Gesicht muß ja nicht gerade geistreich gewesen sein, als ich eine kleine Schneelawine auf mein edles Haupt bekam. Es hatte doch tatsächlich geschneit, und ringsherum war eine liebliche Winterlandschaft.



Das "Tapferkeitserinnerungsbild"

Um selbiges Liebliche begann alsbald eine Diskussion, die mit einer Wette zwischen mir und Fonsi endete. Mein Lieblingsspruch bei schlechtem Wetter ist immer: „Um zehn Uhr reißen die Wolken auf". Die Wette wurde mit zwei Maß Bier gehalten und ich habe sie auch gewonnen, denn um zehn Uhr kam die liebe Sonne zum Vorschein. Allerdings nur so lange, bis wir auf dem Wasser waren und nach Wörgl/Tirol schwammen. Ich leichtsinniger Knabe hatte nur Sandalen an, die natürlich längst naß waren. Meine Socken, die in der Hosentasche ihrem wärmenden Zweck entgegensahen, wurden total zweckentfremdet, denn sie kamen auf die Hände von Siglinde, während ich mit aufgedrehten Zehen das Steuer bediente.

Um 12 Uhr kamen wir in Wörgl an, und Fonsi und ich gingen, um entweder ein Auto aufzutreiben oder den nächsten Zug nach St. Johann zur Kössener Ache zu erkunden. Gleich unter der Durchführung kam eine Mechanikerwerkstatt in Sicht, der Meister lag gerade unter einem Amiwagen. Schon hatte mein Auge einen Lastwagen entdeckt und hoffnungsfroh knieten wir neben dem Meister, um mit ihm zu verhandeln. Das war des Meisters Glück, denn der Wagenheber ließ nach und der Kübel senkte sich langsam auf den Blaurock. Wir konnten das Auto so lange halten, bis er voll Schmiere im Gesicht, aber mit ziemlich bleichen Flecken dazwischen, hervorkam. Er war uns zwar für unsere Hilfe sehr dankbar, aber fahren konnte er uns trotzdem nicht, da Sonntag Fahrverbot für Lastwagen ist.
Am Bahnhof konnte ich doch tatsächlich den Beamten beschwatzen, unsere fünf Boote in aufgebautem Zustand verladen zu lassen, wenn sie hineingingen, natürlich. Das war die große Frage. Sonst stehen wir am Bahnsteig zwischen sonntäglich gekleideten Fahrgästen und können unsere Boote auseinander nehmen, gab Fonsi zu bedenken. Der Beamte rief sogar einige Stationen vorher an, ob überhaupt Platz im Gepäckwagen sei. Wir marschierten also stolz mit unseren Booten an einigen D-Zügen vorbei, nahmen Ausrufe der Reisenden mit der Miene eines umjubelten Diktators hin und brachten unsere Boote mit Hilfe des Beamten, der selbst an den Waggon gekommen war, tatsächlich in den Gepäckwagen. Ein Hoch den österreichischen Bahnbeamten! Wir fuhren also nicht nach Hause, denn der Wettergott brachte immer bei Entscheidungen Sonnenschein, und wir ließen uns nur zu gern verleiten. Von St. Johann fuhren wir noch am Spät­nachmittag los, die Ache hatte etwas Hochwasser, der Schnee vom Morgen war vergessen, und unsere Laune war prächtig. Etwa 5 km nach St. Johann blieben wir dann links bei einer Scheune stehen und richteten unser Nachtlager her. Die Ritzen in der Scheune wurden verstopft, die nassen Zelte aufgehängt und Fonsi mit der Heugabel ein prächtiger „Ökonomierat". Aufgewärmte Dachziegel für die kalten Füße ist eine tolle Erfindung, denn das Wetter verschlechterte sich zusehends, und lustig fielen schon wieder Schneeflocken vom Himmel.



Endlich ein Dach über dem Kopf

Als wir dann der Reihe nach im Heu lagen, machte Fonsi auf einmal so komische Verrenkungen in seinem Schlafsack, und unter Gestöhne brachte er die in weiser Voraussicht gekaufte Pulle zum Vorschein, um sie dann, nachdem sie die Runde gemacht hatte, wieder im Schlafsack zu versenken, nicht ohne zu bemerken, wir sollten uns nur melden bei auftretenden Kältegefühlen. Er hätte es lieber nicht sagen sollen, denn auf diese Weise hatte er die Gymnastik für heuer schon an einem Abend absolviert.

Früh also gab's nichts als Schnee und lauter Schnee und durch die Ritzen sahen wir schon noch dazu den Bauern mit Bäuerin und großem Hund auf uns zukommen. Wir hatten es am Abend nicht übers Herz gebracht, uns anzumelden, und jetzt folgte die Strafe. Ich sauste also aus meinem Schlafsack durch die Tür den Besitzern der Scheune entgegen, um sie vor einem Herzschlag, den sie bei unserem Anblick bekommen mußten, zu bewahren. Die größte Angst hatte ich vor dem Hund. Ich konnte jedoch, wie am Vortage den Beamten, auch die Besitzer samt Hund mit meinem Charme einwickeln.

Unterdessen begann ein Schneetreiben, daß man tatsächlich nicht weiter als bis zur Bootsspitze sehen konnte. Moni hatte ihren Einer zusammengebaut und fuhr in meinem Zweier mit. Wir mußten also den zerlegten Einer auch noch in meinem Boot verstauen. Bis zu den Knien im Wasser, bis die Mädchen im Boot waren, ging es nun, klappernd vor Kälte, nach Kössen.

Mein Lied „Eine Seefahrt die ist lustig" fand keinen Gefallen mehr, und, um ehrlich zu sein, bis wir nach Kössen kamen, war auch ich fertig, und meine letzte galante Tat sollte das Heraustragen von Moni sein. Ich kam aber keine zwei Schritte weiter, dann versank ich im seichten Wasser bis über die Knie und konnte Moni nur noch so halb ans Ufer werfen. Fonsi erging es mit Siglinde so ähnlich.

Wir wollten jetzt alle nicht mehr weiter fahren, und hier machten auch die Mädchen das erste Mal schlapp.

Während die anderen in einer Garage die Boote verstauten' ging ich mit unserem Kücken auf die Suche nach einem Gasthaus und kam dabei zum „Auwirt". Meine Befürchtungen, daß wir uns in unseren von Sand strotzenden Hosen nicht sehen lassen könnten, waren grundlos, denn wir wurden fast wie Familienmitglieder aufgenommen. Die Wirtin heizte sofort den großen Kachelofen ein und, - nachdem wir unsere Sachen zum Trocknen aufgehängt hatten, und glücklicherweise keine Gäste in der Stube waren - konnten wir, auf den Bänken liegend, die Füße an den warmen Ofen stemmen und wieder neue Lebensgeister sammeln. Das Essen war gut und billig, und s „Buddei" ließ uns schnell unsere Strapazen vergessen. „Buddei" ist ein in Osterreich bekanntes Gefäß in der Form eines Erlenmeierkolbens, aus dem Obstschnaps getrunken wird.

Auf meinen Anruf in Burghausen hin wurde mir versprochen, daß wir um 6 Uhr abends geholt werden. Aber um das Pech voll zu machen, standen wir bis 22 Uhr abwechselnd an der Brücke, vergeblich auf den Autobus wartend. Die Wirtin wollte wieder den rettenden Engel spielen und schürte den Ofen erneut an. Aber auf meinen nochmaligen dringenden Anruf in Burghausen kam der Bus um 24 Uhr an, und wir kamen doch noch heim.

Text: Otto Birke, Burghausen
Fotos: Siglinde Reif


Am Ufer des Walchen

von Lorenz Mayr, München

Am Ufer des Walchen, nahe seiner Mündung in die Isar - den Sylvensteinstausee gab es damals noch nicht - lagen zwei nagelneue Eskimokajaks im Gras. Große Ratlosigkeit herrschte: Der eine der beiden Paddler, der größere, konnte nicht in sein Boot hineinschlüpfen! Obwohl er es doch selbst gebaut hatte! Vollkommen zerschmettert saß er auf dem Hinterdeck und mühte sich vergeblich, seine Kniescheiben unter dem Vorderspant hindurchzubekommen, er versuchte sie mit den Fingern einzeln zu bewegen und zu drücken, es tat schon ziemlich weh, es half alles nichts: Er kam nicht hinein.

Und dabei war eine Sitzprobe während des Gerüstbaues ohne Schwierigkeiten verlaufen. Doch da waren die Senten noch nicht dran und vor allem keine Haut, so dass ganz ohne Zweifel, wie ihnen jetzt dämmerte, die Füße weit außerhalb der Bootskontur gewesen sein müssen, ohne dass es einem von den beiden aufgefallen war. Das war ein herber Schlag, noch dazu nicht der Einzige. Was war noch? Sie hatten ihre Kajaks - die Spanten waren schon vorbereitet - in einem wüsten dreitägigen Tag- und Nachtmarathon erbaut, weil sie in dieser Frist eine kleine Schreinerwerkstatt benutzen konnten, also eine einmalige Gelegenheit. Und dabei waren die Stevenspitzenaufsätze, wie sie Herbert Slanar seinen Booten mitzugeben pflegte, nicht mehr fertig geworden. Selber hatten sie den tieferen Sinn dieser Aufsätze noch gar nicht erkannt, und so waren die Direktiven an den Sattlermeister, der sie noch schnell fertigen sollte, bevor er die Gerüste des Faltboothaut überzog, auch nicht sehr deutlich ausgefallen. So kam es, dass die schönen, rassigen Eskimosteven nun einen leichten, fast barocken Schwung zeigten, worüber sie schon sehr betrübt waren. Und jetzt das!!

Ja, was war zu tun? Nach vielem erfolglosen Hin und Her hob der eine, der größere Paddler, einen kürbisgroßen Stein und - einen langen, stöhnenden Seufzer auslassend - zerschmetterte, oh Graus, damit das Dach des hinteren Holzspanten! Es war ihm, als hätte er den eigenen Fuß zermalmt ...

Düstere Nebel zogen feucht zu dieser Stunde tief durch die Täler, herbstlich kalt schon das Wasser, da kam es auf die bald darauf erfolgende Kenterung, die ein krebsfangender Paddelschlag bei einer winkeligen Kurve in Blitzesschnelle herbeiführte, auch nicht mehr an.

Kurz und gut, in dem verbleibendem Fahrtenjahr, es war schon vorgeschrittener Herbst, wurde der Spant nach jeder Fahrt mit Blech leidlich repariert, um den Kajak schön aufbauen zu können, dann musste das Spantendach wieder eingedrückt werden, damit der Paddler überhaupt einsteigen konnte, dann wurde der Spant für das nächste Mal mit Blech wieder repariert ... und so weiter und so weiter, bis der heraufziehende Winter Zeit einräumte für einen Umbau mit erhöhtem vorderem Spantendach.

(Quelle: Kanu-Kurier, 2008)


Bunte Steine vom Etschstrande, 1924

Boz'ner Gassenbuben
Schon am Vortage unserer Wasserfahrt, als wir von der Eisackbrücke den rauschenden, wirbelnden Strom hinabsahen, auf dem wir nun morgen unser Glück versuchen sollten, hatten uns die Buben gründlich aufs Korn genommen. Unser auffallend großes Interesse für den Fluß hatte ihren Verdacht geweckt; und gleich traut sich der Kühnste an uns heran: "Hier sein schon viele mit so kleinen Schiffln heruntergefahren." Dabei will er richtig nur erfahren, wann wir unsere nasse Reise beginnen; denn gleich unterhalb, an der Biegung gibt es eine Stelle, wo wir tüchtig Wasser fassen werden, und dieses Schauspiel ist ihm natürlich überaus wichtig.



Wir luden also die ganze kleine Gesellschaft zur Abreise am kommenden Morgen ein; und alle, alle kamen. Sie zogen hinter uns, als wir durch den dampfenden Morgennebel unser Fahrzeug nach dem Flusse hinabtrugen, und sie jagten einander in tollem Kreise auf der steinigen Lände, wo wir uns fahrtbereit machten. Dann noch ein lustiges Krähen aus lachendem Munde, ein kleiner Sprühregen von schadenfrohen Ausrufen, und wir sind um die Biegung verschwunden...

"Guarda la barca"
Dies der Schlachtruf, der Dich vom ersten Betreten des italienischen Sprachgebiets geleitet. Hütejungen, die faul in der Sonne rösten, haben das Faltboot im Bergesschatten drüben am anderen Ufer hingleiten gesehen und nun schrillt er hinauf in das schläfrige Felsennest, das auf der ersten Hügelkette über der Talsohle sein Nachmittagsschläfchen träumt. "Guarda, guarda.." Als ob man in einen Ameisenhaufen gestochen hätte ... Dutzende von kleinen, braunen Sonnenkindern stieben aus den wackeligen Steinmauern da oben hervor, an den Fenstern gehen kreischend die hölzernen Läden auf, und ein Fragen und Rufen, ein Winken und Gestikulieren geht los, als sei eine Schar übermütiger Teufel auf uns losgelassen worden. Das Wasser aber gönnt uns nicht die Zeit auf alle die Zurufe und Wünsche zu hören, sein schneller Weg hat uns nur einen Augenblick lang das Zauberbild des "Süden" in Gegenwart umgesetzt.

Die Wäscherinnen
Allerorten sind die hohen Dämme knapp vor größeren Ortschaften von flachen, steingepflasterten Uferplätzen unterbrochen. An sonnigen Nachmittagen kommen hier Dutzende von blankäugigen, schwarzgebrannten Dorfmädchen zur Wäschereinigung herab. Auf einem kleinen Holzbrette reibt und schlägt sie die verschwiegenen Geheimnisse südländischer Garderobe so unsanft hin und her, daß es mich wundern sollte, wenn auch nur ein Fetzen daran heil bliebe. Und das Mundwerk läuft, unaufhörlich wie die grünen Wellen der Etsch, und noch viel schneller als diese!



Unsere Reise weckt sie aus der Einförmigkeit der Beschäftigung; und in allen Tonarten wünschen sie fröhliche Fahrt und warnen den Wanderer vor des Stromes und der Weiber Tücken, da unten in Verona. Doch einer habe ich trotz Sonnenbrille und Stromerhut gefallen, denn sie wollte mitreisen, weit durch das sonnenglühende Weinland, bis in die Gärten der Tiefebene um Verona. Hoffentlich ist der nächste Wanderer barmherziger als ich, dann wird sie morgens aus ihrem armseligen Bergnest fortreisen und schon am selben Abend wird sie ein dunkler Alpino beim Konzerte der Straßenkapelle auf der Piazza am Arme führen.



Intermezzo im Gewitternahen
Pechschwarze Wolkenschatten haben uns die Sonne geraubt; was eben noch glutvoll und leicht vor uns lag, erzittert vor dem düstern Donner aus den Hängen des Monte Baldo. Fahren wir noch an der Seilfähre vorbei, die das fahldunkle Wasser gurgelnd umzieht, und landen wir auf sandigem Schwemmboden! Alles ist erwartungsstill, der schwere Groll des Unwetters lastet über dem Tale. Einige Landhäuser, die rohen Ziegeldächer nach dem Mordbrand, der hier jahrelang tobte, frisch und farbenkräftig erneuert! Wir machen uns nach jener Richtung auf den Weg, durch gelbe, raunende Maisfelder und durch die Laubengänge, von denen schwere, blaue Trauben herabhängen.
Es ist Herbst ... Wüßten wir es nicht nach der bunten Tracht der üppigen Südlandschaft, der Arbeitsfleiß der Landleute müßte uns daran gemahnen. Da dengeln zwei braune Gesellen ihre Sensen auf der Wiese, wo wir unser Boot trocknen lassen. Da treibt eine barfüßige Kinderschar die Ziegen nach dem Stalle, und andere kommen aus den Weingärten, die Körbe voll wundergroßer Weintrauben. Man sieht die scheinbar ermattete, gewitterbange Gegend plötzlich lebendig, denn Ernte ist's, Weinlese!
Wir haben uns unter ein Flugdach gerettet, auf ein paar umgestürzte Bottiche gesetzt, nun mag der Regen niederrauschen!



Doch wir bleiben nicht lange allein; ein sonnenverwitterter Greis schiebt die Straße entlang seinen Schubkarren, denkt, auch er könnte das Unwetter hier abwarten ... Dann kommen drei Landmädchen, langsam, wiegend, schreiten sie aus den bestaubten Weingärten zu uns herüber, lächeln unbefangen, kauern sich in der Hausecke nieder und nun geht die Zunge flink über die ungewohnten Gäste los, die da in Ruderkleidung durch die Welt spazieren ....
Ein Knabenkopf lugt in unserer Ecke herein, wohlgebildet wie jene Engelsknaben der göttlichen Farbenkünstler, die hier ihre lebenden Vorbilder nahmen. Nur eine kleine Bitte, und er kehrt zu uns zurück, die Hände voll reifer Trauben, und selig vergnügt nascht er unsere Schokolade ... Gute Kinder hier wie drüben hinter den Alpenbergen!

Das Haupt
Der steinige Weg nach der Bahnstation hat uns gründlich zugesetzt. Jetzt haben wir den winzigen Bahnhof erreicht. Glatt und gerade läuft der blanke Strang nach beiden Richtungen: Sizilien-Brenner, welche Kontraste; Italien, Du hast Dich gereckt! ...
Im Gemüsegarten harkt ein dicker, schwarzer Mann die Beete; sonst ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Endlich sieht er auf und wischt sich die Stirne, er hat uns entdeckt, unsere schweren Faltbootpakete haben seine Neugier entfesselt. Er verschwindet, und erscheint im selben Augenblick wieder in vollem Glanze. Eine rote Kappe mit breiten Goldleisten schmückt sein braunes Tenorgesicht, sein pechschwarzer Schurrbart leuchtet vor Wichtigkeit. Er ist das Haupt der Station, der "capo".



"Ein Boot? Auf der Etsch von Bozen? Dio mio!" und er bekreuzt sich unter Anrufung der Jungfrau sowie dreier Heiliger aus seinem umfangreichen Register. Dann beginnt er mir alle möglichen Arten der Gepäckaufgabe zu schildern; er weiß ihre Vorteile in hellem Glanze erstrahlen zu lassen, ihre Nachteile in düsterstes Schwarz zu tauchen. Er berechnet die Preise, und wägt die Ausgaben gegeneinander. Schließlich hat er das Geschäft abgeschlossen, ich darf das Boot ins Abteil mitnehmen, die Bahn aber bekommt doch ihre schönen Lire bezahlt. Ich lächle in der Erinnerung an knappe Worte am nordischen Schalter, an Preistabellen und Gepäckscheine: Zeit ist Geld! - Aber nicht unter dieser Sonne...
Wenn der schnaufende Zug abgefahren sein wird, wenn wir einander gravitätisch begrüßt haben, wird er wieder in seinem Gärtchen arbeiten ... (Text: Dr.Friedrich Beck, Prag, Zeichnungen: Franke, Berlin)


Vorsicht mit Kreuzpaddeln auf dem Wildfluß

von C.I.Luther, München

"Es sollte kein Wanderfahrer anders als mit gekreuzten Paddeln fahren" sagt Erich Arndt. Kamerad Arndt ist Fachmann für Rennsport und Wanderfahrt auf ruhigen Wassern, er wird mir also nicht böse sein, wenn ich seine Verallgemeinerung für die Wildflüsse nicht ohne weiteres anerkenne. Wer auf diesen raschströmenden Wassern ganz zu Hause ist, paddelt auch bei uns vorherrschend gekreuzt. Anfängern und Neulingen im Wildwasser, auch wenn sie anderwärts noch so gut kreuzpaddeln, kann ich zu dieser ausschließlich angewandten Technik nicht raten. Außer bei Gegenwind spielt auf dem an sich schnellen Wildfluß zunächst die Luftdruckbehinderung des vorgehenden Paddelblattes nicht die Rolle wie dort, wo man in mehr oder weniger hartem Wasser auch mit dem kleinsten Vorteil für rascheres Vorwärtskommen rechnen muß. Es ist hier für den Anfang und im allgemeinen sehr darauf zu achten, das Boot zu führen und im richtigen Fahrwasser (Stromstrich) zu halten, und das zumal in Stromschnellen, Floßgassen usw. Hier ist es viel wichtiger jedes Paddelblatt ohne weiteres, also ohne die Kreuzdrehung, und wenn man sie sich auch noch so gut angewöhnt hat und automatisch beherrscht, zum steuernden Einsatz, als zum raschen Vorwärtskommen bereit zu haben. Denn das Vorwärtskommen besorgen gerade an schwierigen Stellen des Flusses schon die Wasser, aber sie sind auch im Fahrtrichtungsändern bzw. Bootsverdrehung schnell und stark und dagegen ist anzukämpfen.

Man muß bedenken: die gewohnte, ja automatische Kreuzdrehung ist mit dem gleichmäßigen Rhythmus des Vorwärtspaddelns innig verknüpft. Diesen Rhythmus kann aber im Wildfluß weder Anfänger noch Wildflußneulinge dauernd oder auf längere Zeit halten. Allerlei Kräfte der Strömung zwingen ihn zu unterbrechen, und dann kann gerade der Vorteil der automatischen Drehung zum Verhängnis werden.

Beispielsweise: ich will mit gekreuztem Paddel gerade rechts einsetzen zum Hub, sehe oder fühle aber im Augenblick, daß infolge einer unerwarteten Strömung, Drehung, Welle, Wirbel usw., ein Hub links notwendig ist. Und da ist denn fast mit Sicherheit damit zu rechnen, daß das links gerade flach in der Luft schwebende Blatt auch flach ins Wasser gehauen wird und widerstandslos durchrutscht und daß dann erstens durch den Ausfall des nötigen Hubes und zweitens durch den Drall des Durchrutschens und drittens durch die besondere Hebelwirkung eines flach unter dem Wasser befindlichen Paddelblattes eine recht peinliche Situation entstanden ist, die vor meinen Augen schon zur Kenterung wurde. Ein anderes Beispiel: es gibt Floßgassen und Ueberfälle, die nur mit hoher Zufahrtsschnelligkeit zu nehmen sind. Man muß mit aller Kraft usw. bis in die Widerwelle hineinpaddeln und durch das hemmende und drehende Brodeln hindurch. Um diese Zufahrtsschnelligkeit zu steigern, scheint das Kreuzpaddeln wohl günstig. Aber wenn blitzschnell uns die Widerwelle packt, muß der nächste Paddelhub fast immer ein Steuerschlag gegen Verdrehung und Kenterung sein, ohne daß man zuvor weiß, ob rechts oder links usw. Für so raschen Wechsel des Rhythmus und der Hubseite ist man mit gekreuzten Paddeln schlecht gerüstet.

Und schließlich möchte ich noch darauf verweisen, und dies gilt fürs Kreuzpaddeln überall, daß beim Kreuzpaddeln die von Dr.O.R. erwähnte Sehnenscheidenentzündung eher zu erwarten ist als beim Paddeln mit parallelen Blättern, zumal die Drehung fast immer höchst einseitig von einem Handgelenk bewerkstelligt wird. Vorbeugend kann hier von Zeit zu Zeit gewechselte Drehung wirken, mildernd der Uebergang zum normalen Paddeln. (Quelle: Kanu-Sport, 1927)

© Ilse Entner